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Als Überraschungs-Gesundheitsminister ohne Fachexpertise kündigte die Ärzte Zeitung den 52-Jährigen Juristen Hermann Gröhe an. Sicherlich, weil der bisherige CDU-Generalssekretär und als Pragmatiker mit problemlösenden Strategien geltende Gröhe sich bis dato kaum mit gesundheitspolitischen Fragestellungen befasst hat. Seine Ernennung ist überraschend, da die Ärztin Ursula von der Leyen und auch Jens Spahn, bisher gesundheitspolitischer Sprecher der Union, lange Zeit als aussichtsreich gehandelt wurden. Aber benötigt Gröhe den gesundheitspoltischen Background in seiner jetzigen Rolle überhaupt?

Zum Werdegang des 1961 in Uedem Geborenen:  Gröhe, der in Köln Rechtswissenschaften studierte, ist seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestags. Zuvor gehörte er dem Neusser Kreistag an. Gröhe ist Mitglied der Synode und war von 2003 bis 2009 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Oktober 2008 berief ihn Angela Merkel zum Staatsminister im Kanzleramt, in der vergangenen Legislaturperiode war er CDU-Generalsekretär.

Dass Grohe bisher keine gesundheitspolitische Anknüpfungspunkte hatte, wurde in den Medien einstimmig als unproblematisch angesehen. Warum eigentlich? Zunächst kann der neue Gesundheitsminister auf tatkräftige Unterstützung bauen. Für die fachlichen Angelegenheiten stehen Gröhe sein beamteter Staatssekretär und Abteilungsleiter zu Seite. Neue Staatssekretärin im BMG wird Ingrid Fischbach, die allerdings mit Gesundheitspolitik bislang auch eher wenig zu tun hatte. Annette Widmann-Mauz bleibt in ihrem Amt und hat in den vergangenen vier Jahren im Bundesministerium für Gesundheit unter den FDP-Gesundheitsministern Philipp Rösler und Daniel Bahr erfolgreich bereits wichtige Reformvorhaben umgesetzt. Beispiele hierfür sind die Pflegereform und das Krankenhauspaket zur finanziellen Entlastung der Kliniken. Neu geschaffen wird ein Bevollmächtigter für die Belange von Pflege und Patienten. Dieser Posten wird von Karl-Josef Laumann, Chef der CDU-Landtagsfraktion in NRW und von 2005 bis 2010 Gesundheitsminister im bevölkerungsreichsten Bundesland, ausgefüllt. Für Jens Spahn ist übrigens keine Position vorgesehen.

Ein weiteres Argument dafür, dass ein Gesundheitsminister ohne Vorerfahrung erfolgreich bestehen kann, liegt in dem Anforderungsprofil des Jobs: Gegen die mächtige Lobby von Krankenkassen, Ärzteschaft und Pharmaindustrie werden vor allem Unabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit gefordert. Qualitäten, die Gröhe nach Einschätzung aus seinem politischen Umfeld mitbringt.

Ab Mittwoch wird Hermann Gröhe im BMG die Amtsgeschäfte führen. Erste Reaktionen von verschiedenen Interessenslagern aus dem Gesundheitswesen gab es bereits nach seiner  Bekanntgabe: Der Ärzteverband Hartmannbund erwartet konstruktive Gespräche mit Gröhe sowie Verständnis für Grundanliegen der Ärzte. Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Klaus Reinhardt, geht davon aus, dass der neue Gesundheitsminister neben der ärztlichen Freiberuflichkeit auch Themen wie Therapiefreiheit und die freie Arztwahl für Patienten gut betreue, heißt es in einer Pressemitteilung. Klare Signale hingegen fordert der Hartmannbund hinsichtlich der Weiterentwicklung von Konzepten zur Sicherung der Versorgung. So sei die Steigerung der Attraktivität ärztlicher Berufsbedingungen hier ein wichtiger Baustein. Zudem solle Gröhe, die neue Gebührenordnung schnell auf den Weg bringe. Der Verband für forschende Pharmaunternehmen (VFA) lobt die angestrebte interdisziplinäre Arbeit im Gesundheitswesen.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) betrachtet die Entscheidung, CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe das Bundesgesundheitsministerium zu übertragen, als Chance für das Gesundheitssystem. In einer offiziellen Stellungnahme lässt DBfK-Referentin Johanna Knüppel heute wissen: „Ihn hatten wir tatsächlich nicht auf der Rechnung und sind von dieser Personalie sehr überrascht. Die Tatsache, dass Herr Gröhe bislang keine Fachexpertise für das Gesundheitswesen mitbringt, muss aber kein Nachteil sein.“

Einen Seitenhieb gegen Gröhes Vorgänger konnte sich Knüppel indes nicht verkneifen: Fachkenntnis führe nicht automatisch zu guten Konzepten, nachhaltigen Reformen und Initiativen, wie die beiden Vorgänger in diesem Amt hinreichend unter Beweis gestellt hätten.