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Ein am US-amerikanischen Georgia Institute of Technology in Atlanta entwickeltes intraorales (im Mund) Hilfsmittel verhilft Tetraplegiker zu mehr Selbstständigkeit im Alltag. Das sogenannte Tongue Drive System nimmt über zwei Sensoren in einem Headset die magnetischen Felder von kleinen linsengroßen Magneten, die im Mund als Piercings befestigt sind, wahr. Dadurch können Tetraplegiker durch gezielte Bewegungen der Zunge unterschiedliche Signale aussenden, die ein iPod dann in Steuerbefehle für einen Computer oder einen Rollstuhl umsetzt.

Die Technik soll dem konventionellen „Sip-and-puff“-Hilfsmittel, bei dem Saug- und Blasmanöver sie Signale liefern, deutlich überlegen sein. Bereits nach kurzem Training können die Patienten im Internet surfen, E-Mails abrufen oder Rollstuhl Ausflüge unternehmen, berichten die Mitarbeiter der Forschungsgruppe.

Das derzeitige Modell ist das Ergebnis eines seit 2007 andauernden Forschungsprozesses und scheint inzwischen ausgereift zu sein. Für eine Kommerzialisierung benötigt der Forschungsleiter Maysam Ghovanloo jedoch noch die Genehmigung der US-Behörde FDA. In ersten Studie erzielten 11 Tetraplegiker und 23 Nichtbehinderte rasch Lernfortschritte und benutzten nach kurzer Eingewöhnungszeit ihre Zunge als Steuerinstrument.

Kommentar: Querschnittgelähmte werden unterteilt in Paraplegiker und Tetraplegiker. Paraplegiker leiden unter einer vollständigen Lähmung der unteren Extremitäten bei tiefer gelegenen Rückenmarksschäden (zum Beispiel Schädigung der Lendenwirbel). Bei Tetraplegikern sind alle vier Extremitäten betroffen. Laut der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie leben in Deutschland derzeit etwa 100.000 Menschen mit Querschnittlähmung. Pro Jahr kommen 2.000 Neuerkrankungen dazu. Elektronische Hilfsmittel kommen häufig zum Einsatz, um verloren gegangene motorische Fähigkeiten bei Betroffen mit einer Plegie auszugleichen. Je nach Fähigkeit des Betroffenen werden die Hilfsmittel mit den Händen, dem Kopf, den Augen oder eben mit dem Mund bedient.

Auch in Deutschland wird an Hilfsmitteln für Tetraplegiker gearbeitet. Ende des vergangenen Jahres stellten Wissenschaftler aus Göttingen, Heidelberg und Karlsruhe ein neuartiges Hilfsmittel vor, das eine Rollstuhl-Steuerung mittels der Ohrmuskulatur ermöglichen soll. Dabei trainieren Testpersonen den Einsatz ihrer Ohrmuskeln zunächst mit einer Software. Der Vorteil der beiden neuen Methoden (Steuerung über Zunge und Ohr): Querschnittgelähmte können – anders als bei einer Steuerung über Atmung oder Blickrichtung – gleichzeitig Befehle geben und mit ihrem Umfeld interagieren.

[ilink url=“http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/56739/Zungen-Piercing-steuert-Computer-und-Rollstuhl“] Link zur Quelle (Ärzteblatt.de)[/ilink]