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In dem seit 1993 alljährlich erscheinenden Krankenhaus-Report des Wissenschaftlichen Instituts (WidO) der Krankenkasse AOK liegt in der aktuellen Ausgabe der Schwerpunkt auf dem Thema Patientensicherheit. In diesem Zusammenhang wurden unter anderem die Erscheinungsformen und Ausmaße der Risiken in Krankenhäusern, Erfordernisse einer Sicherheitskultur sowie Berichtssysteme und Trainings als Ansatzpunkt zur Qualitätsverbesserung, thematisiert. Eine der Kernaussagen des Reports ist, dass (beruhend auf Schätzungen der AOK) bei ca. jeder 100. Krankenhausbehandlung ein Behandlungsfehler vorkommt, wobei dies bei etwa jedem 1000. Patienten tödlich ausgehe. Dies würde beinahe 19.000 vermeidbare Todesfälle durch Fehler in Kliniken bedeuten.

Basierend auf den Auswertungen der Daten der AOK wurden im Krankenhaus-Report 2014 die bei Krankenhausbehandlungen auftretenden sogenannten unerwünschten Ereignisse, wie z. B. eine allergische Reaktion auf ein Medikament oder Hygienefehler des Personals, untersucht. Das Ergebnis der Betrachtungen zeigt, dass knapp die Hälfte dieser Ereignisse hätte vermieden werden können. Diese hohe Zahl zeigt, welch großes Verbesserungspotenzial es bei den Krankenhausbehandlungen gibt. Ein Beispiel für einen solchen vermeidbaren Fehler ist die Medikamentengabe. Wurden Patienten beispielsweise im Vorfeld nicht nach Allergien befragt, so kann es zu Fehlmedikationen mit teilweise schwerwiegenden Folgen kommen. Als weiteres Beispiel gilt in vielen Fällen eine mangelnde Hygiene. Bei etwa vier Prozent der Patienten kommt es zu gefährlichen Krankenhausinfektionen, welche schwer behandelbare Entzündungen der Operationsgebiete hervorrufen können.

Dem Wissenschaftlichen Institut der AOK zufolge ist die Häufigkeit eines Eingriffes in einer Klinik ein wesentlicher Qualitätsfaktor für den erfolgreichen Verlauf einer Behandlung. In dem Report wird dies am Beispiel von planbaren Hüftgelenk-Operationen verdeutlicht. Hierbei konnte aufgezeigt werden, dass das Fünftel der Häuser mit den geringsten Behandlungszahlen gegenüber dem Fünftel mit den meisten Eingriffen eine um 37 Prozent höhere Rate an Wiederholungsoperationen aufweisen. WidO-Geschäftsführer Jürgen Klauber sieht anhand der vorliegenden Daten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Anzahl an durchgeführten Operationen und dem Erfolg der Behandlung. Der Vorstand der Bundesärztekammer, Günther Jonitz, sieht dies anders. Jonitz wirft der AOK vor, dass diese Argumentation ein Versuch sei, schlechtes Licht auf die kleineren Häuser zu werfen, die aufgrund ihrer Größe allein eine geringere Häufigkeit von operativen Eingriffen haben. Grund dafür könnte eine, Jonitz‘ Ansicht nach,  mengensteuernde Einkaufspolitik einiger Kassen-Funktionäre sein. Diese kritische Meinung brachte der Präsident der Ärztekammer Berlin bereits 2005 im Zusammenhang mit dem AOK-Klinik-Navigator zu Tage.

Zahlreiche Ärztevertreter weisen daneben noch weitere im Report aufgeführte Kritikpunkte zurück. Denn laut diesem, werde z. B. eine sehr einfache, jedoch entscheidende Präventionsmaßnahme gegen die Übertragung und Verbreitung von infektiösen Keimen in vielen Krankenhäusern von den Ärzten und Pflegern (noch) nicht konsequent umgesetzt. Ein Großteil der Krankenhausinfektionen könnte dadurch aber verhindert werden. Die Ärztekammer Ärztekammer Westfalen-Lippe wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Die Sicherheitsstandards in den deutschen Kliniken seien ihren Angaben nach, so hoch wie nie. Auch das nordrhein-westfälische Klinikum Oberberg äußerte bereits am Tag des Erscheinens  heftige Kritik an dem Krankenhaus-Report der AOK. Um das Gegenteil zu beweisen, legte die Klinikumsleitung Zahlen nach. Nach Angaben der AOK, müssten in den vier Häusern des Klinikums Oberberg  jährlich 350 Patienten Behandlungsfehler erleiden und 35 Patienten durch vermeidbare Behandlungsfehler sterben. Tatsächlich seien im vergangenen Jahr nur 43 Fälle als vermutete Behandlungsfehler registriert worden, so die Klinikumsleitung.  Und kein einziger Patient sei im vergangenen Jahr aufgrund eines Behandlungsfehlers gestorben, versicherte  Hauptgeschäftsführer Joachim Finklenburg.

Die in dem Report aufgeführten Behandlungsfehler haben überwiegend ökonomische Ursachen, vermutet nicht nur der geschäftsführende Vorstand des AOK-Bundesverbands, Uwe Deh. Dass viele Krankenhäuser, die bei Vergleichen schlecht abschneiden, die entsprechenden Leistungen trotzdem weiter anbieten, hat für Deh vor allem finanzielle Gründe. Viele Häuser stehen angesichts der Tatsache, dass die Bundesländer bei den Investitionskosten immer seltener ihren Verpflichtungen nachkommen, unter Druck. Sie sehen sich gezwungen, das fehlende Geld durch möglichst viele lukrative Leistungen zu erwirtschaften, argumentiert Deh. Während jedoch in den Ballungsgebiet eher Spezialisierungen zielführender seien, sollten sich Kliniken auf dem Land auf die Grundversorgung beschränken.

An dem Vorgehen der Datenerhebung für den Report wurde kritisiert, dass das WidO auf rund acht Jahre alte Zahlen des „Aktionsbündnisses Patientensicherheit“ zurückgegriffen hat. Dabei seien die damals ermittelten Daten in Relation zur aktuellen Zahl von Klinik-Zwischenfällen gesetzt worden, so die Autoren. Co-Autor und Medizinprofessor Max Geraedts wies Kritik an diesem Vorgehen zurück und versichert, dass die Zahlen gültig seien. Tatsächlich passierten wohl noch mehr Fehler, als im Report angegeben.

Es lässt sich vermuten, dass sich noch weitere Kliniken zu Wort melden werden, um sich wieder in ein positiveres Licht zu rücken. Für Interessierte besteht die Möglichkeit, sich genauere Informationen der einzelnen Häuser einzuholen. Hierzu empfiehlt es sich die beispielsweise die Qualitätsberichte der jeweiligen Einrichtung einzusehen. Diese enthalten unter anderem detaillierte Daten darüber, welche Operationen wie häufig durchgeführt wurden oder welche Qualitätsicherungsmaßnahmen das Haus durchführt.