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Erneut entzweit eine vorgestellte Umfrage Vertreter der Ärzte und der Kassenlandschaft. Dieses Mal steht der bereits viel diskutierte Ärztemangel im Blickpunkt. Auslöser ist das aktuelle Umfrageergebnis von TNS Infratest, das im Auftrag von Barmer GEK und Bertelsmann Stiftung untersucht hat, welche Erfahrungen Patienten beim Zugang zur ambulanten Versorgung gemacht haben. Das Ergebnis der Kassen-Umfrage überrascht: Der oftmals diskutierte Ärztemangel wird von der deutschen Bevölkerung bisher kaum wahrgenommen. Im Gegenteil, was Anzahl und Erreichbarkeit von Hausärzten in Städten und auf dem Land angeht, zeigen sich über 90 Prozent der Bürger zumindest zufrieden. Bei den Fachärzten fällt die Zufriedenheit etwas geringer aus. Aber auch hier sind nur 15 Prozent mit Erreichbarkeit und Anzahl der Fachärzte nicht zufrieden. 

Auch Terminprobleme scheinen selten zu sein. So liegt der Anteil der unzufriedenen Patienten bei den Hausärzten bei 6 Prozent, bei den Fachärzten bei 11 Prozent. Auch hier gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen Stadt und Land, wie Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, hervorhob. Allerdings glaubt auf dem Land jeder Dritte, dass es in seiner Region künftig weniger Fachärzte geben wird. Zudem zeigt die Studie auch: Je weiter entfernt der Arzt seine Praxis hat, desto unzufriedener sind die Leute. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse, sieht in den Ergebnissen einen Vertrauensbeweis für die ambulante ärztliche Versorgung und warnt vor zu viel Dramaturgie in der Diskussion.

Dass im Rahmen der Umfrage auch die ländliche Bevölkerung wenig zu beanstanden hat, erscheint überraschend, denn hier haben verschiedene Ärzteorganisationen immer wieder eine medizinische Unterversorgung auf dem Land beklagt und vor einen Verschärfung der Situation ausdrücklich gewarnt. So äußerte sich auch prompt Dr. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), zu der Auswertung und kontert mit Zahlen: Bis zum Jahr 2020 gingen schätzungsweise 66.830 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand. Wer den Ärztemangel infrage stelle, verkenne die Situation. Auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery sieht eine große personelle Lücke: Aufgrund der demografischen Entwicklung der Ärzteschaft und des mangelnden Nachwuchses wird es bis zum Jahr 2020 knapp 7.000 Hausärzte weniger geben als bisher.

Das Zahlenmaterial aus der Ärzteschaft dürfte den Chef der Barmer GEK nur wenig beeindrucken, schließlich ist er davon überzeugt, dass in Deutschland kein Ärztemangel, sondern ein Verteilungsproblem herrsche.  Denn die Zahl der niedergelassenen Ärzte sei in den vergangenen Jahren um 30 Prozent gestiegen – zudem sei hierzulande die Arztkontakthäufigkeit am höchsten. Zur Steuerung der Verteilung plädiert er für eine  Honoraranpassung nach der Ärztedichte: Die ärztliche Tätigkeit soll seiner Ansicht nach in überversorgten Metropolregionen geringer vergütet werden als in unterversorgten Flächenregionen.

Die nun entflammte Diskussion wird sich im Gesundheitswesen auch auf andere Bereiche ausweiten. Ein Fachkräftemangel ist schließlich auch – wie etwa in der Krankenpflege –  in vielen Teilbereichen absehbar. Dieser wird in ländlichen Regionen beginnen, sowie zunächst bei ambulanten Pflegediensten und dann erst im stationären Bereich spürbar werden. Auch an Homecareunternehmen und Sanitätshäusern dürfte dieser Trend nicht vorübergehen.