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Der in dieser Woche veröffentlichte Medizintechnik-Report 2013 „Pulse of the industry“ (Link zur englischen Version der Berichtes) der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young liefert einen klaren Appell an die Branche: Medizintechnikunternehmen müssen innovative Geschäftsmodelle entwickeln, wenn sie weiter wachsen wollen. Auch wenn sich der Bericht primär auf die großen börsennotierten Firmen mit Veröffentlichungszwang stützt und insbesondere kleinere deutsche Unternehmen unberücksichtigt bleiben, hat diese Vorgabe sicherlich auch eine Aussagekraft für den deutschen Mittelstand.

Nach Ansicht der Autoren der Studie befindet sich die Medizintechnik derzeit in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess. Der Grund: Ein zunehmender Kostendruck in den Gesundheitssystemen, sinkende Budgets und Forschungsinvestitionen der Unternehmen sowie steigende Zulassungsanforderungen. Als Beispiel für Einsparungen in europäischen Gesundheitssystemen führt der Bericht Italien an. Das südeuropäische Land hat 2012 und 2013 insgesamt Einsparungen in Höhe von 8,5 Mrd. Euro vorgenommen. Auch in Großbritannien seien die im Rahmen der NHS-Reform für die Gesundheitsausgaben verantwortlich gewordenen Clinical Commissioning Groups angehalten worden, angesichts einer Kürzung des Gesamtbudget von 30 Mrd. GBP in 2020 sparsamer zu sein. Vor diesem Hintergrund warnen die Studienautoren, nicht ausschließlich auf innovative Technik zu setzen, um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben.

Erste Anzeichen dafür, dass die Produktentwicklung allein nicht für Erfolg sorgt, seien Umsatz- und Ergebniszahlen aus den USA und Europa: Statt um 4 bis 6 Prozent, wie noch in den Vorjahren wuchsen die Medizintechnikunternehmen im Jahr 2012 nur noch um 2 Prozent. Gleichzeitig sei der Reingewinn von Unternehmen in den USA wie bspw. Medtronic, Covidien, Hologic oder Becton Dickinson um rund 36 Prozent, von 13,7 auf 8,7 Mrd. US-Dollar gesunken. Zwar ist Deutschland (Gewinnsprung von 9 Prozent) immer noch der Anker der europäischen Medizintechnik. Dennoch stellt die Studie starke regionale Unterschiede in Europa fest – etwa in Frankreich, wo die MedTech-Branche einen Rückgang der Gewinne um 5 Prozent aufweist.

Ein weiteres Problemfeld sieht der Bericht darin, dass sich parallel zur Verlangsamung des Wachstums das Kapital zunehmend auf wenige große Akteure im Markt konzentriert. Schwierig sei diese Entwicklung vor allem für neue und kleinere Unternehmen, denen das Innovationskapital fehlt. Diese Unternehmen würde dann häufig von größeren, zumeist amerikanischen Konzernen übernommen, wenn sie ihr Produkt zur Marktreife bringen wollen.

Als strategische Ergänzung zu ihren Produkten sollten die Hersteller Lösungs- und Dienstleistungspakete anbieten. Künftige Wachstumsmärkte liegen laut der Studie vor allem in Anwendungen, die über die akute medizinische Behandlung und den Krankenhausaufenthalt hinausgehen. Sie sollten nicht mehr nur in Krankenhäusern und Praxen, sondern auch in den eigenen vier Wänden einsetzbar sein wie es etwa bei der Telemedizin der Fall ist. Aus diesem kommt einer einfachen Bedienbarkeit, die Anwender abseits von Ärzten und geschulten Personal einen Zugang zu den Geräten ermöglicht, an Bedeutung.

Die Ergebnisse des Reports zeichnen keinesfalls ein Schreckenszenario der MedTech-Branche. Auch wenn bei der Präsentation der Ergebnisse der Vergleich mit „dunkel aufziehenden Wolken“ gezogen wurde, kann insbesondere in Deutschland die Situation der Branche weiterhin als heiter beschrieben werden. Zu beachten ist bei der Bewertung des Branchenklimas auch, dass sich zwar der Wachstum verlangsamt hat, aber noch deutlich über dem anderer Branchen oder auch Healthcare-Teilmärkte liegt. Zu bedenken gilt es ferner, dass die MedTech Branche erst kürzlich wieder ihre Position als europäischer Innovationsmeister bestätigt hat. Dies geht zumindest aus der Zahl der Patentanmeldungen aus dem Jahr 2012 hervor. 10.412 Patente wurden im Bereich der Medizintechnologie beim Europäischen Patentamt angemeldet, so viele wie in keinem anderem Branchenbereich. Neben einer schwerer werdenden Finanzierung, einer strikteren Erstattung der Kostenträger hat die Branche damit zumindest die Stellschraube „Innovationsfähigkeit“ in die richtige Richtung gedreht.