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Der staatliche britische Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) erfährt momentan tiefgreifende Reformen. Ziel des kontroversen NHS-Reformpaketes ist es, das Gesundheitssystem unbürokratischer zu machen und die Rolle der Hausärzte weiter zu stärken.

Neue Verantwortung für Hausärzte

In Großbritannien ist der Hausarzt im Zuge des Primärarztprinzips erste Anlaufstelle für den Patienten. Dieser überweist zum Facharzt oder in die Klinik, d.h. dass der Zugang zu Krankenhäusern bzw. zu Fachärzten stets über den Hausarzt erfolgt.

Die seit Mai 2010 amtierende Regierung um Premierminister David Cameron möchte die rund 50.000 NHS-Hausärzte nun zum wichtigsten Entscheider machen: Künftig sollen Hausärzte mehr als zuvor in die Budgetverwaltung eingebunden werden und bspw. direkt bei Kliniken oder bei ambulanten Versorgungsdiensten Leistungen für ihre Patienten einkaufen können.

Fehlende Nachwuchsärzte

Allerdings steht der 1948 gegründete NHS bei diesem Versuch vor einem tiefgreifenden Problem: In Großbritannien fehlen Nachwuchsärzte. Mehr als 10.000 Hausärzte beabsichtigen, innerhalb von fünf Jahren in den Ruhestand zu gehen. Jeder fünfte Hausarzt ist 55 Jahre oder älter. Gleichzeitig sinkt seit Jahren die Zahl der Berufsanfänger. Zudem wollen immer mehr Ärzte statt Vollzeit in Teilzeit arbeiten. Zu diesen Ergebnissen kamen Gutachter der Unternehmensberatung „The Deloitte Centre for Health Solutions“.

Zur Verschärfung der Krise trägt bei, dass lokale Gesundheitsverwaltungen sparen müssen und ausscheidende Allgemeinmediziner oft nicht durch jüngere Kollegen ersetzen. Gesundheitspolitker und Berufsverbände warnen bereits und sehen eine flächendeckende Patientenversorgung gefährdet. Aus ihrer Sicht kommen die Reform zur falschen Zeit – denn NHS muss wegen der Wirtschaftskrise deutlich sparen. Strukturreformen wie diese seien daher besonders schwierig.

Neue Bedarfsplanung in Deutschland

Während Kritiker in Großbritannien bereits von einer „demographischen Zeitbombe“ sprechen, lässt sich die derzeitige Versorgungssituation in Deutschland vereinfachend wie folgt darstellen: Zu viele Ärzte in der Stadt, zu wenige in ländlichen Gebieten.

In Hinblick auf diese Verteilungsproblematik ist am 1. Januar 2013 die neue Richtlinie zur Bedarfsplanung in Kraft getreten. Hierdurch soll die ambulante medizinische Versor­gung verbessert und bundesweit gleichmäßiger gestaltet werden. Anfang des Jahres gilt für die hausärztliche Versorgung der so genannte Mittelbereich, ein Verband mehrerer Gemeinden unterhalb der Kreisebene, als Planungsraum für Niederlassungen.

Allerdings stellt die Bedarfsplanung nur ein Instument zur Verteilung dar. Zum Vergleich: Auch in Deutschland gehen laut KBV über 40.000 Haus- und Fachärzte in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Und: Bereits heute gebe es für Hunderte Praxen keine Nachfolger.