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Nach herrschender Meinung sei die demographische Entwicklung in Deutschland der stärkste Hauptkostentreiber in unserem Gesundheitssystem. Wenn ältere Menschen zukünftig noch älter werden und ihrer Zahl steigt, so ist eine enorme Kostensteigerung für die Therapie der mit dem Alter verbundenen Krankheiten nicht aufzuhalten, lautet eine häufig in den Medien diskutierte Argumentation. Die Barmer Ersatzkasse hatte jedoch in einer jüngst erstellten Studie berechnet, dass gerade einmal 18 Prozent der Mehrausgaben der Kassen im Jahresvergleich auf den Demographieeffekt zurückzuführen seien. Also müssen andere Gründe für die Kostensteigerung verantwortlich sein, immerhin müssen nun 82 Prozent des Kostenzuwachses durch andere Faktoren erklärt werden, die in keinem Zusammenhang mit einer alternden Bevölkerung stehen.

Uwe Repschläger ist Autor der Studie und leitet den Bereich Unternehmenssteuerung bei der BEK. Seinen Ergebnissen zufolge seien die „wahren Gründe“ für den Kostenanstieg in den Punkten

  • Preise für Medikamente,
  • Ärztehonorare und
  • dem medizinische Fortschritt (innovative Geräte)

zu finden.

All diese genannten Bereiche lassen sich durch Interventionen mehr oder weniger regulieren. Der Demographieeffekt hingegen lässt sich weder kurz- noch mittelfristig anpassen. Ein ideales Ergebnis für die Kassen, denn somit lässt sich die Ausgabensteigerung wohl doch begrenzen. Problematisch scheint hier nur, dass all diese Bereiche von einer starken Lobby geschützt werden. In dieser Woche verhandelten die Kassen mit den Ärztevertretern über die Vergütung der Mediziner. Die Ergebnisse der Studie klingen unterstützend bei dem Ziel, die Honorarerhöherung der niedergelassenen Ärzte zu begrenzen.

Rund 3,5 Milliarden Euro hatte die niedergelassene Ärzteschaft als Honorarerhöhung von den Kassen gefordert. Die Kassen wiederum boten ihnen eine Kürzung von 2,2 Milliarden Euro an. Im Ergebnis wurde mit Schlichtungsbeistand des  unparteiischen Vorsitzenden des erweiterten Bewertungsausschusses, Jürgen Wasem, ein Ergebnis von 300 Millionen Euro Honorarerhöhung erzielt. Während sich die Kassen großteils zufrieden zeigen ist von Seiten der Ärzteschaft bei diesem „katastrophalen Ergebnis“ in den nächsten Wochen mit massiven Protestaktionen zu rechnen.

Die Tatsache allein, dass im Gesundheitswesen sehr viel – einige Zungen behaupten auch –  „zu viel“ Geld stecke, ist noch kein alleiniger Grund zur Verärgergung. Wirft man einen Blick in benachbarte Branchen, z.B. die Automobilindustrie, so wird das Marktwachstum und die Investitionen in die Zukunft von allen Seiten begrüßt. Schließlich hängen ja auch viele Arbeitsplätze an solch einer riesigen Branche. Das Bewusstsein, dass im Gesundheitswesen „öffentliche Gelder“ verwaltet und unter den Marktteilnehmern verteilt werden, lässt uns permanent in dem Glauben, dass Sparen und Ausgabenreduzierung ein allzeit wirksames Mittel sei. Neben der Ursachenforschung für die Kostentreiber im Gesundheitswesen wäre ebenfalls eine Analyse interessant, die deutlich macht, wer die Mehrkosten erhält. Könnte man zeigen, dass es aus diesem Marktwachstum positive Beschäftigungsimpulse für den Arbeitsmarkt gibt, so wäre die Diskussion um die Kostensteigerung von dem Vorurteil befreit, dass sich einzelne Konzerne oder andere Interessengruppen hieran überdurchschnittlich stark bereichern.