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Bis 2030 soll es nach jüngsten Schätzungen eine Million Pflegebedürftige mehr geben. Auch wenn Deutschland zwar, gemessen an der Arztdichte, zu den weltweit am besten versorgten Ländern zählt, gibt es bereits einige ländliche Regionen, die unterversorgt sind. Diese Tendenz wird sich auf Grund demographischer Faktoren fortsetzen. Durch diesen fortlaufenden Trend werden schon heute viele Leistungen, die früher noch von Ärzten durchgeführt worden sind, an das Pflegepersonal delegiert.

So hat z.B. der Ärztemangel hat in einer kleinen Gemeinde Namens Frielendorf (Hessen) zur einer Zusammenarbeit zwischen Pflegediensten und Hausärzten geführt. Ziel des Projektes ist es, durch die Delegation ärztlicher Leistungen die Hausärzte zu entlasten. Im Rahmen der Kooperation werden seit August zwei Hausärzte von Mitarbeiterinnen eines Pflegedienstes bei Hausbesuchen (ca. 1.000 Patienten) assistiert. Die speziell für Aufgaben der Hausbesuche geschulten Fachkräfte kontrollieren die Vitalwerte der Patienten, dokumentieren alle Daten, erfassen per Checkliste den Hilfsmittelbedarf, unterstützen die Ärzte bei der Wundversorgung und beim Medikamentenmanagement, indem sie alle Arzneien, die sie bei den Patienten vorfinden, erfassen. Nach jedem Hausbesuch werden die Infos den Praxen zeitnah zugefaxt.

Drei Monate lang soll der zeitliche Aufwand der Hausbesuche dokumentiert und ausgewertet werden, um den finanziellen Bedarf zu ermitteln. Wenn erste Erfahrungen über die Wirksamkeit der Kooperation vorliegen, soll eine Hausbesuchsvergütung zwischen den Ärzten und dem Pflegedienst vereinbart werden.

Schon Ende des letzten Jahres hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) nach dreijähriger Beratung eine Richtlinie verabschiedet, mit der in Modellprojekten heilkundliche Tätigkeiten von speziell ausgebildeten Pflegekräften durchgeführt werden können. Die Erprobungsphase nach § 63 Sozialgesetzbuch V wurde auf acht Jahre angesetzt. Im Rahmen des Beschlusses sollen zunächst Patienten mit Bluthochdruck, Demenz, chronischen Wunden sowie Diabetes Typ I und II in Pilotprojekten behandelt werden. Besonders qualifizierte Schwestern und Pfleger sollen die vom Arzt verordnete Therapie fachlich, wirtschaftlich und rechtlich in Eigenverantwortung ausführen. Neu im Modellversuch des G-BA ist hierbei, dass Pflegekräfte in eng begrenzten Fällen auch zum Beispiel Heil- und Hilfsmittel verordnen können.

Auch derFachhandel bleibt von diesen Entwicklungen nicht unberührt.Viele Fachhändler und Homecarespezialisten haben sich in den letzten Jahren vermehrt auf die Entwicklung eigener Pflegekräfte konzentriert. Die eigentliche Versorgung der Patienten übernehmen aber immer noch, da rechtlich nicht anders machbar, Pflegedienste oder pflegende Angehörige. Eine wahre Nähe zum Patienten kann damit nur über die Pflegedienste erreicht werden. Die endgültige Entscheidung, welches Produkt der Patient nutzen wird, liegt beim Arzt.

Ein Modellprojekt, in dem pflegerische Kräfte eigenverantwortlich auf eine Therapie chronischer Krankheiten hin handeln, birgt versorgungsseitig echte Neuerungen. Sollte das Modell in einen festen Bestandteil des Versorgungssystem überführt werden muss auch in Richtung Budgetierung der von diesen Personen verordneten Produkten neu diskutiert werden. Auch für die Marktbearbeitung durch die Hersteller bringen diese Veränderungen strategisch bedeutsame Weichenstellungen mit sich. Ambulante Pflegedienste rücken somit mehr in dern Fokus der Hersteller, die dadurch ihr Direktgeschäft forcieren können – jedoch sollten auch die niedergelassenen Ärzte bei der Entwicklung dieses Kanals nicht außer Acht gelassen werden. Die Herausforderungen diesen Vertriebsweg zu entwickeln sind sehr groß und bieten für die Industrie in den nächsten Jahren neuen Gestaltungsspielraum.