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Die Telemedizin gewinnt langsam an Terrain im deutschen Gesundheitswesen. Was bereits in der 1980-er Jahren in der Form von Videokonferenzsystemen zwischen Kliniken rund um den Globus begann, ist in vielen Bereichen der Medizin heute nicht mehr weg zu denken. Doch wie hoch ist der gesundheitliche und wirtschaftliche Nutzen der vernetzten Medizin zum gegenwärtigen Zeitpunkt wirklich? Die Meinungen der Experten gehen in diesem Punkt auseinander. Die einen sehen vielversprechende Therapieerfolge sowie vielseitige wirkungsvolle Einsparpotenziale. Gegenstimmen warnen vor der Überschätzung der Telemedizin und sehen teilweise sogar nicht ausschließbare Gefahren in ihr. Auch auf der diesjährigen Fachmesse für Medizin und Medizintechnik, Medica, wurde in dem Forum für zukunftsweisende IT-Trends im Gesundheitssektor mit dem Schwerpunkt Telemedizin, das gesamte Innovationsspektrum der Datengewinnung und -vernetzung sowie die Trend-Themen eHealth, mHealth und pHealth thematisiert.

Laufende sowie bereits abgeschlossene Projekte lassen erste Bewertungen über den Nutzen der Telemedizin in einzelnen Bereichen zu. Positive Ergebnisse liefert beispielsweise das im Raum Stuttgart und in Berlin-Brandenburg durchgeführte und unter anderem vom Bundeswirtschaftsministerium und der Barmer GEK unterstützte Projekt unter dem Motto „Partnership for the Heart“. Über 700 Patienten übermittelten im Verlauf der Studie täglich Messdaten über EKG, Sauerstoffsättigung des Blutes, Blutdruckwerte, Gewicht und eine Selbsteinschätzung ihres gesundheitlichen Zustands, automatisiert mittels eines PDA (Personal Digital Assistant, ein kleiner tragbarer Computer) an die telemedizinischen Zentren. Dort wurden die Werte überprüft und bei Bedarf nahm das ärztliche Personal umgehend Kontakt mit den Patienten auf. Gegebenenfalls wurde die Medikation angepasst, der Hausarzt verständigt oder bei dramatischen Verschlechterungen gleich der Notarzt gerufen.

Die Ergebnisse der begleitenden Studie zeigen zwei Dinge auf. Die Gesamtsterblichkeit der telemedizinisch betreuten Patienten konnte zwar nicht verringert werden. Allerdings profitierten einige klar definierte Patientengruppen mit chronischer Herzinsuffizienz von der telemedizinischen Betreuung. Bei Patienten, die stationär behandelt wurden, deren Herzleistung aber nicht zu schwach war und die keine Symptome einer Depression aufwiesen, konnte die kardiovaskuläre Sterblichkeit um 52 Prozent gegenüber der Kontrollgruppe gesenkt werden. Zudem stieg die Lebensqualität dieser Patienten, und sie mussten seltener in ein Krankenhaus eingewiesen werden.

Das Resultat einer Untersuchung, die die Bremer Krankenkasse hkk Mitte November der Öffentlichkeit präsentierte, lautet ganz anders. Dr. Bernhard Braun vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung an der Uni Bremen (BIAG) hat 15 internationale Studien über den Nutzen von Telemedizin analysiert. Er wertete zum einen sieben internationale Studien und Reviews zu Projekten für Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz aus und zum anderen acht Reviews zur telemedizinischen Versorgung im Allgemeinen. Die Ergebnisse legen nahe, „dass wesentlich weniger Patienten einen Zusatznutzen aus der Telemedizin ziehen als bisher meist vermutet“, heißt es. Zudem scheinen selbst diese Patienten weniger zu profitieren als erwartet. In Brauns Fazit heißt es weiterhin: „Telemedizinische Anwendungen flächendeckend einzusetzen, ist nicht vernünftig. Man darf positive Ergebnisse der Telemedizin nicht verallgemeinern.“ Daher fordert die hkk nun eine „gesetzliche Nutzenbewertung für Telemedizin-Produkte und -Verfahren nach Arzneimittelstandard“. Dazu seien „ausreichend große prospektive Studien über längere Zeiträume erforderlich, die einen Vergleich mit der bisherigen Versorgung in Deutschland beinhalten“.

Die zukünftigen Entwicklungen auf dem Gebiet bleiben abzuwarten. Weitere Projekte, in denen der medizinische Mehrwert und der Einfluss auf die Kosteneffizienz erprobt wird, stehen auf dem Plan. Wie zum Beispiel ein auf fünf Jahre angelegtes telemedizinisches Projekt in Ostsachsen, welches Anfang 2014 an den Start geht. Hierfür wird erstmalig eine durch die EU-Kommission abgesegnete staatliche Unterstützung von bis zu 10 Mio. Euro erteilt. Die Investition wird voraussichtlich mit einem Anteil von ungefähr 80 Prozent aus dem europäischen Fond für regionale Entwicklung kofinanziert. Der Rest soll aus Landesmitteln aufgebracht werden. Um den Aufbau der Plattform kümmern sich die Carus Consilium Sachsen GmbH, ein Tochterunternehmen des Universitätsklinikums an der TU Dresden, und T-Systems International GmbH, eine Tochtergesellschaft der Telekom. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.