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Die Zahl der Operationen in Deutschland steigt seit Jahren kontinuierlich. Die kleine Anfrage der Fraktion „Die Linke“ an die Bundesregierung vom 14.08.2013 traf auf großes Medieninteresse in Deutschland. Aus der Antwort der Regierung ist zu entnehmen, dass die Zahl der stationären Operationen zwischen 2005 (12.129.075) und 2011 (15.373.497) um durchschnittlich 4,03 Prozent pro Jahr bzw. um insgesamt ca. 26 Prozent stieg. Die höchste Steigerungsrate hatten Wirbelsäulen-OPs. Diese haben sich innerhalb von sechs Jahren mehr als verdoppelt. Auch bei Kaiserschnitten, Hüft- und Knieoperationen liegt Deutschland international gesehen auf den vorderen Plätzen. Auch die Zahl der ambulanten Operationen folgt diesem Trend. Zwar stieg die Zahl der ambulanten OPs von 2002 um mehr als das Dreifache und damit stärker als die stationären OPs. Dieser Trend flachte sich jedoch ab und liegt nun mit +0,6 Prozent weit unter den Zahlen von stationären Maßnahmen. Diese Informationen dürften für unsere Leser jedoch nichts Neues sein (wir berichteten im April).

Die Fraktion „Die Linke“ führt den Anstieg der stationären Operationen auf die zwischen 2003 und 2005 eingeführten DRGs zurück. Im Gegensatz zu anderen Staaten würden DRGs lediglich als Preisinstrument ohne funktionierende Mengenbeschränkung eingesetzt. Somit würde ein Teufelskreis entstehen, da die Vergütungen langsamer wachsen als die Kosten. Somit könne, auch aufgrund der fehlenden Subventionen der Länder, ein Krankenhaus sich nur über steigende Fallzahlen finanzieren. Auch sehe man die wachsende Anzahl von Unternehmen die sich auf die Bereiche Marketing, Presse und Öffentlichkeitsarbeit für Krankenhäuser spezialisiert haben als problematisch an.  „Da werden sinnlose Anreize zum Schneiden gesetzt, während die Mittel bei Heilung und Prävention fehlen. Die Fallpauschale muss fallen“, fordert der Antragsteller und stellvertretende Fraktionsvorsitzende Klaus Ernst in der Passauer Neuen Presse. Zudem wird hinzugefügt, dass trotz steigender Behandlungszahlen die Bundesrepublik Deutschland im Euro Health Consumer Index von Platz 6 (2009) auf Platz 14 (2012) abrutschte. Dieser untersucht 34 europäische Gesundheitssysteme nach 42 Indikatoren in 5 Kategorien, die für den Verbraucher wichtig sind: Patientenrechte und -informationen, Wartezeiten für Behandlungen, Diagnosen, Vorsorge, Vielfalt und Umfang der angebotenen Leistungen und Pharmazeutika.

In der Tat ist es so, dass Studien nicht zu hundert Prozent nachweisen können, warum die Zahl der Operationen in Deutschland steigt. So konnten DRG-Begleitforschungen der Selbstverwaltungspartner auf Bundesebene aufzeigen, dass zwischen 2006 und 2008 lediglich 33 Prozent des Leistungsanstiegs durch den demografischen Wandel erklärbar sind. Auch eine Studie des RWI Essen aus 2012 kommt zu dem Schluss, dass weniger als 40 Prozent des Leistungsanstiegs auf die Alterung der Gesellschaft zurückzuführen sind. Über den Einfluss des medizinisch-technischen Fortschritts und andere Ursachen liegen keine weiteren Erkenntnisse vor.

Nun nahm der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten und Krankenkassen, Josef Hecker, die Diskussion zum Anlass, um auf seine Sichtweise des Sachverhaltes hinzuweisen. Für ihn liegen die Gründe der Leistungssteigerung klar auf der Hand. Nicht die Krankenhäuser oder Ärzte sind die Schuldigen, vielmehr würden Patienten Ärzte dazu drängen Behandlungen an ihnen vorzunehmen, da Sie Ärzte die Kompetenz absprechen würden, wenn diese nur Bettruhe verordnen. Patienten würden nur die Vorteile einer Behandlung sehen und dabei die Risiken ausblenden. „Es muss ein Umdenken stattfinden. Denn: Weniger ist oft mehr“, sagte Hecker der Berliner Zeitung.

Klar ist, dass die Kosten für das deutsche Gesundheitssystem weiter steigen werden und nach einigen Experten langfristig 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen werden. Nun stellt sich jedoch die Frage, ob die Bundesregierung und die Gesellschaft bereit sind, für ein verlängertes Leben und Lebenskomfort einen solchen Aufpreis zu zahlen. Diese Fragen werden wohl leider erst in der Zukunft beantwortet werden können.