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Das deutsche Traditionsunternehmen Meyra Ortopedia ist im Rahmen eines sog. Asset Deals  – bei dem die Vermögensgegenstände, nicht aber die Schulden übernommen wurden – an das polnische Unternehmen Medort verkauft worden. Von den rund 400 Arbeitsplätzen in Kalletal-Kalldorf sollen 240 erhalten bleiben. Bei der auf  behindertenfreundliche Auto-Umrüstung spezialisierten Tochter Petri + Lehr (Dietzenbach) wird nur das Ersatzteilgeschäft mit drei bis vier Beschäftigten übernommen. Der Transaktionswert soll bei einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag liegen.

Die 1991 gegründete polnische Reha- und Orthopädietechnik-Gruppe Medort (Tochtergesellschaften: Vitea Care, Paraopdium, Qmed, memo und inflox) befindet sich seit rund drei Jahren auf Wachstumskurs und sieht sich selbst als Europas führendes Produktions- und Handelsunternehmen für orthopädischen Bedarf. Das Unternehmen mit einem geschätzten Umsatz von 25 Mio. Euro, hinter dem der polnische Finanzinvestor Avallon mit Sitz in Lodz steht, hat seinen regionalen Fokus neben Deutschland auf Russland als Hauptmarkt gelegt. Investiert wird aber auch in osteruopäischen Ländern wie Ungarn.

In Deutschland, wo Meyra im westfälischen Kalletal seine Rollstühle fertigt, ist die Erstattungsgrundlage für einen Rollstuhl im Vergleich zum Ausland sehr weitreichend. Dies führt auch dazu, dass nach Meinung von Marktexperten für den Bereich der Rollstühle immerhin 95 Prozent des gesamten Marktvolumens von den Versicherungen erstattet werden (90% GKV und 5% PKV). Die verbleibenden 5 Prozent setzen sich sowohl aus Selbstzahlerleistungen (out-of-pocket) als auch aus Anschaffungen von Rollstühlen, die von anderen „Abnehmern“ getätigt werden, z.B. Pflegeheime, Krankenhäuser, Flughäfen, Bahnhöfe, zusammen.

Der deutsche Rollstuhlmarkt wird sich unter dem Einfluss der Meyra-Insolvenz und dem ab November wirksamen Eigentümerwechsel entwickeln und vor einer Neuverteilung der Marktanteile stehen. Schaut man auf den Mobility-Markt ist in den nächsten Jahren von einer fortschreitenden Konsolidierung und weiteren Eigentümerwechseln auszugehen. Beide Tendenzen führen zu einem internen Preisdruck der Unternehmen, zu dem einer externer Preisdruck durch den Gesetzgeber und Kostenträger erschwerend hinzukommt.

So geschehen bei Meyra. Das Familienunternehmen, welches im März Insolvenz angemeldet hatte, beschäftigte um die Jahrtausendwende noch mehr als 1.000 Mitarbeiter, hat es aber Medienberichten zufolge versäumt, die sinkenden Erstattungen der Krankenkassen für einfache Rollstühle durch Innovationen und die Produktion neuer hochwertigerer Geräte auszugleichen.

Spannend dürfte zu verfolgen sein, welche Strategie der neue Investor fährt. Zu vernehmen war bereits, dass sich Meyra künftig auf den westeuropäischen Markt konzentrieren soll. Klar ist aber auch, dass in fast allen europäischen Kernländern das Preisniveau von Rollstühlen unter Beobachtung der Krankenkassen bzw. Kostenträger ist. In der Konsequenz müssen in diesen Ländern die Fachhändler den steigenden Preisdruck – zumindest teilweise – an die Hersteller weitergeben, sodass es gut möglich ist, dass auch weitere Hersteller in finanzielle Engpässe geraten werden.